Sonntag, 16. März 2014

#Lese Wetter

Von rudiratlos   am 02.01.2014       
Handlung: In der (deutlich zu kurzen) Leseprobe gibt es keine Handlung, was die Autorin auch gar nicht wollte. Das ist völlig legitim. Vielmehr sind es zur Einstimmung (oder ist es durchgängig?) sehr plastisch skizzierte Erinnerungsfragmente, die eine herbe Kindheit im kleinbürgerlichen Milieu einer Großstadt gegen Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre ergeben.
Figuren: Die Ich-Erzählerin charkterisiert sich durch Eigenbeobachtung und Reflexionen zu ihrem Umfeld: verträumt, aber nicht einzelgängerisch, vielleicht ein wenig scheu, mit ersten Ansätzen der Verklemmung wegen ihres Bettnässens; angepasst und brav zu Hause, auf der Gass' eben ein bisschen anders, wie wir das ja alle in diesem Lebensabschnitt waren.
Sprache/Duktus:
Es ist ein sehr lyrisch geprägter Text. Auffallend sind die oft genutzten Reihungen von Satzteilen und Adjektiven, die nicht immer eine Klimax zeigen, sondern unterschiedliche, gleichwertige Facetten derselben Situation, desselben Gefühls, Gedankens beschreiben. Dadurch kann man die Phantasie des Lesers anreichern, aber auch durch Häufung überfüttern, zumal die Sätze dann leicht sehr lang geraten. Schon den ersten des Buches musste ich zweimal lesen. Man kann also schon mal zwischenrein einen Punkt machen und den Leser gedanklich verschnaufen lassen, finde ich.
Vor Jahren wurde in einem Leser-Wettbewerb der beste Romanbeginn gekürt. Er besteht aus einem Satz mit drei Wörtern: "Ilsebill salzte nach.", Der Butt, G. Grass. Bitte: Das ist jetzt nur ein Beispiel! Keiner von uns hier will sich mit einem Literatur-Nobelpreisträger messen!
Trotz dieser Mini-Kritik: Durch den Wechsel von Einzeilern und kurzen Absätzen ist der Text gut zu lesen.       
Struktur: Aus der zu kurzen Leseprobe kann ich mir über die Struktur des Werks kein Urteil bilden, ist aber auch nicht entscheidend.
Zusammenfassend:
Auf den ersten Seiten skizziert die Autorin aus meist unzusammenhängenden Reflexionen eines Mädchens von rund 8 Jahren sehr plastisch eine Lebenswelt, die das Kind damals gar nicht so dürftig empfand, wie wir es jetzt hier lesen. Diesen Gedankenspagat zu leisten, verrät schon großes Können.  Manchmal schimmert ihr Bedürfnis durch, auch zu zeigen, was sie drauf hat. Dass sie es drauf hat, ist klar, das braucht sie nicht mehr zu beweisen. Und der Feinschliff kommt noch, da bin ich ganz sicher.