Sonntag, 25. Mai 2014







Sommer das war so ein Sonnen gebleichtes Vagabundenleben



An diesem stickigen Nachmittag mit dicker Luft striff Hedwig durchs kühle Haus, es gab noch einen Gemeinschaftsraum mit einer Glastür aus buntem Fensterglas. An der gegenüber liegenden Wand entstand ein surreales Licht, das flackerte, züngelte, verzerrte sich in rot grün Tönen. Hedwig zog die schwergängige Tür auf, der Raum roch muffig, vereinsamt sie öffnete die Fenster. Hier gab es Spiele und Bücher sie besah sich die Buch Rücken und las die Titel. Der Titel „Dem Sommer entgegen“ machte sie neugierig. Dem Sommer entgegen, sie murmelte es und spürte dem Klang der Worte nach. Dem Sommer entgegen, es passte zum Wetter, jetzt Ende Mai. Sie zog das Buch heraus und betrachtete das Cover. Vor einem grün braun rosa gefärbten Wolkenwand tanzten, schwirrten zwei Vögel, schlugen heftig mit den Flügeln und näherten sich, ob zum Angriff oder Rendezvous war dem Betrachter überlassen. Hedwig glaubte der linke, der eindeutig der männliche Vogel war, wollte erst angreifen und überlegte es sich im letzten Moment anders. Das Weibchen hatte die Krallen eingezogen, wie zum Friedens Abkommen. Ihre Flügel waren wunderschön gefächert und wurden rötlich von der untergehenden Sonne angestrahlt. Hedwig öffnete das Buch, die ersten Zeilen zogen Hedwig in den alten Sessel, sie winkelte ihre Beine an, die Beschreibung des Haares, dass früher in der südlichen Sonne flammenrot leuchtete, dann stumpf und staubfarbend mit Mitte dreißig wurde, war so ungewöhnlich, das Hedwig sich tiefer in den Sessel kuschelte und alles um sich herum ausblendete. Ihre Augen schienen wie die rotgefächerten Flügel über die Zeilen zu fliegen. Tief in ihrem Inneren enstand das Bild dieser Grace, schüchtern stand sie da, pulte an ihrer Schürze herum, die Haare zerzaust, die Augen in die Ferne gerichtet. Sie schien auf etwas zu warten, jemand zu erwarten, eine Begegnung herbei zu wünschen. Mit dem Buch hatte sie die passende Sommer Lektüre gefunden. Sommer das war so ein Sonnen gebleichte Vagabundenleben hatte Hedwig schon immer empfunden. Der Text riss sie in ein tosendes Sprachenmeer, es kam ein Gefühl auf, als befände sie sich in der Fremde, altvertrautes, verstaubte Begriffe, Beschreibungen funkelten in strahlend neuen Gewand. Hedwig schnappte nach Luft, versuchte Schwimmbewegungen, fühlte sich als müsste sie es wieder neu erlernen. Eine fesselnde Sprachgewalt mit kleinen quirligen Kapriolen. Die Trennung zwischen der Protagonistin und ihr (der Leserin) verschwamm, war vernebelt, verflüchtigte sich Zeitweise. Es fand ein ganz besonders inniger Austausch zwischen ihnen statt, fast körperlich erlebte sie diese Spannung, die Hoffnung, Ängste, die Grace an diesem Wochenende empfand. Da ihr sehr viel daran lag dieses Wochenende zu etwas besonders Schönen werden zu lassen. Hinarbeiten auf den Moment an dem sich die drei unterschiedlichen Individuum für einen Wimpernschlag überschnitten, begegneten, übereinstimmten. Diese Lektüre beinhaltete die Leichtigkeit eines Sommertages, aber auch die süße, schwere Sehnsucht, alles vom kühlen Wasser umspült. Dann sah sie wieder die Autorin Janet Frame und in ihr stieg das starke Gefühl auf, Janet verbindet sich selber durch das Schreiben in einer Art Kreisbewegung. Es ist ihr Sprachrohr, eine Art stille Post, die über das Blatt Papier und den Stift entsteht. So kommuniziert sie über das vertraute weiße Blatt Papier, möchte dadurch verstanden, gehört werden. Diese Sommer Lektüre hat die Leichtigkeit und gleichzeitig eine tiefe, sie erinnerte an eine wehende Gardine im Sommerwind und im Hintergrund türmen sich dunkle Wolken auf.